Die vier Mysteriendramen von Rudolf Steiner

Die vier Mysteriendramen entstanden in den Jahren von 1910 – 1913 und wurden zuerst in München im Rahmen der jährlich stattfindenden Kongresse der Theosophischen, ab 1912 der Anthroposophischen Gesellschaft, aufgeführt. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges verhinderte eine Fortsetzung. Zum ersten Mal in der Geschichte des Theaters werden Reinkarnation und Karma dargestelt.

Die Pforte der Einweihung

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Das erste Drama «Die Pforte der Einweihung», das Motive aus dem Rosenkreuzer-Märchen von J. W. Goethe «Von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie» aufgreift, kann als Einleitung aufgefasst werden. Der Künstler Johannes Thomasius erleidet eine schwere Schaffenskrise. Seine Lebensgefährtin Maria, der Historiker Prof. Capesius, Dr. Strader, die Seherin Theodora, das Ehepaar Felix und Felicia Balde sowie andere durch das Leben gefestigte Menschen stehen in seinem Umfeld. Benedictus, der geistige Lehrer von Johannes und Maria, gibt ihm Hinweise, wie er sich aus der tiefen Verzweiflung befreien kann. Der Zuschauer erlebt nun, wie er während drei Jahren neue Erkenntnisse und Kraft gewinnt. Seine Gemälde sind anders geworden, das Porträt von Prof. Capesius erschüttert Dr. Strader vollständig. Die Erfahrung von übersinnlichen Wesenheiten: Luzifer, Ahriman, den drei Seelenkräften, bringen Johannes das Erlebnis der eigenen Verletzlichkeit zum Bewusstsein.

Die Prüfung der Seele

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Im zweiten Drama «Die Prüfung der Seele», das von Rudolf Steiner «Nachspiel» genannt wird, nimmt den Zuschauer mit in Szenen aus dem Mittelalter. In der Zeit, als der Dominikanerorden die Inquisition durchführte und Mitglieder eines Mystenbundes (Templer?) als Ketzer verfolgt und vernichtet wurden, sind die Protagonisten inkarniert und stehen sich in den zwei Lagern feindlich gegenüber. Nur die drei Menschen: Prof. Capesius, Johannes Thomasius und Maria erleben diese Rückschau in ihren Meditationen. Capesius, der damals Schuld auf sich geladen hatte, erträgt die Wahrheit nicht und ist eine zeitlang unfähig, sein normales Leben weiterzuführen. Maria muss sich als Folge mit Ahriman auseinandersetzen und kann ihn besiegen. Johannes erlebt Luzifer, der ihn verblendet, sodass er nachgibt und sein Reich künftig verstehen will.

Der Hüter der Schwelle

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Das dritte Drama «Der Hüter der Schwelle» spielt 10 Jahre später. Johannes hat in der Zwischenzeit ein geisteswissenschaftliches Buch geschrieben, das von einem Rosenkreuzerbund hoch geschätzt ist, das er selber aber verwirft, weil es in Zukunft nur Schaden stiften wird. Er weiss, dass er es Luzifer verdankt und nun das Werk Ahriman zur Beute geben muss. Maria, die sich viele Jahre von Johannes getrennt hatte, will nun wieder an seiner Seite stehen. Johannes muss erleben, wie sein Doppelgänger von Luzifer beeinflusst wird. Dadurch kommt neues Leid zustande. Vor dem Hüter der Schwelle am Abgrund, wo sich physische und geistige Welten trennen, dann in Ahrimans Reich spielen sich erschütternde Szenen ab. Am Ende des Dramas ist er ein gereifter Mensch geworden, der erkennt, dass er sich als Zweiheit fühlen muss: Ein Teil in ihm ist noch nicht so weit wie sein geistig-seelisches Wesen. Capesius findet zu sich zurück, nachdem er Hass (Luzifer) und Furcht (Ahriman) in ihren Reichen kennen gelernt hat. Auch Dr. Strader weiss nun, wie er in Zukunft weiterwirken kann: Mit den Kräften von Mass und Zahl und im Fortentwickeln der spiritualisierten Technik.

Der Seelen Erwachen

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Das vierte und letzte Drama «Der Seelen Erwachen» hat vor allem das soziale Zusammenwirken verschiedenster Menschen zum Inhalt. Hilarius Gottgetreu will seine Firma, eine Holzfabrik, völlig neu strukturieren. Doch sind die Mitarbeiter, die er dafür gewinnen will, nicht dazu bereit. Wieder erleben wir alle schon bekannten Protagonisten. Zum Teil setzen sie sich voneinander ab und verweigern eine Zusammenarbeit. Dr. Strader verzweifelt an dieser Situation. Die Szenen, genannt «Weltenmitternacht», und die folgenden Ägyptischen Szenen, in denen sich die gleichen Individualitäten um den höchsten Opferweisen und den Pharao scharten, bringen subtil karmische Verknotungen ins Bewusstsein. Maria und Johannes können diese schauen. Dr. Strader stirbt. Diese Nachricht erschüttert Benedictus, doch weiss er: Straders sonnenreife Seele wird den Freunden leuchten. Ahriman, der Chaos verbreiten will und am stärksten im Chaos seine Wirksamkeit entfaltet, hat den Kampf mit diesen Seelen verloren.